Entscheidungen mit Tragweite

Das vergangene Wochenende habe ich in Wien verbracht. Obwohl ich eine ganz großartige Zeit hatte, hat es mich sehr nachdenklich zurückgelassen. Viel zu viele Gedanken wirbeln gerade durch meinen Kopf, denn eigentlich sollte ich doch so glücklich sein wie noch nie zuvor. Am Sonntag war es 1,5 Jahre her, dass ich nach Brüssel gezogen bin. Vor etwa einem Jahr habe ich kokukoka auf neue Beine gestellt und meinen ersten Beitrag geschrieben, der noch heute immer große Gültigkeit für mich hat. Ein halbes Jahr ist es her, dass ich ein durchwegs positives Fazit zu meinem ersten Jahr in Belgien geschrieben habe. Und doch sitze ich jetzt gerade hier und werde mir erstmals mit voller Kraft der Tragweite meiner Entscheidung bewusst.

Ich bin weggegangen, weil es für mich die richtige Entscheidung war. Dazu stehe ich nach wie vor, denn ich weiß auch, dass ich mir in Wien nie so nahe hätte kommen können wie es mir in Brüssel möglich war. Aber trotzdem wird mir jetzt gerade auch klar (und vielleicht war es naiv, dass ich das nicht früher bedacht habe), dass meine Entscheidung auch Auswirkungen auf andere Menschen hatte. Freundschaften haben sich dadurch intensiviert oder sich auch verlaufen. Meine Prioritäten haben sich verändert, ich habe mich verändert. Aber vor allem: Die Welt ist nicht stehen geblieben und momentan fällt es mir gerade ein wenig schwer damit klar zu kommen.

Immer wieder liest man von einer Post-Reise-Depression. Keine Krankheit, sondern ein völlig normales Alltagsloch, in das beinahe jede/r Reisende stürzt, der oder die beim Versuch wieder in der Heimat anzukommen noch den Sand zwischen den Zehen spürt. „Und, wie wars?“ Eine Frage, die ich gerne in aller Ausführlichkeit beantworten würde, aber in Wahrheit nur mit „schön“ abhaken kann, um schnell zum nächsten Thema überzuspringen. Ähnlich geht es mir aktuell mit meiner Post-Umzugs-Nachdenklichkeit. „Wie gehts dir in Brüssel?“ „Danke, gut.“ Wir reden oft über die schwierigen Dinge, die uns erwarten, wenn wir ins Ausland ziehen. Über Dinge wie das neue Leben zu finanzieren, neue FreundInnen zu finden, Krankheiten und Arzttermine zu meistern, neue Kulturen kennenzulernen und zu verstehen, fremden Menschen zu vertrauen, in einer anderen Sprache zu leben und natürlich auch allein zu sein. Aber niemand bereitet einen darauf vor wie man sich plötzlich bei Heimatbesuchen fühlt. Auch wenn in dem eigenen Leben unglaublich viel passiert ist, auch in Österreich ist die Zeit nicht stillgestanden. 1,5 Jahre ist es nun her seit ich nach Brüssel gezogen bin und auch der Alltag in Wien ist natürlich weitergegangen. Großartige Dinge sind in diesen 18 Monaten geschehen, viele FreundInnen von mir haben Kinder bekommen, sich verliebt oder verlobt, sich selbst gefunden und Jobs gewechselt. Von vielen dieser Veränderungen werde ich regelmäßig informiert, aber trotzdem bin ich einfach nicht mehr in demselben Maße involviert wie früher.

Und dann gibt es noch zusätzlich jene Momente, in denen man realisiert, dass die eigene Entscheidung eine Tragweite nicht nur für einen selbst, sondern auch für das geliebte Umfeld hat. Mir geht es aktuell gerade so, immer wieder hört man von einer einem selbst wichtigen Personen, dass auch viel Negatives geschehen ist und nicht alle Momente gut waren und so wenig wie ich mit allen Menschen über alles sofort spreche, werde auch ich hier außen vor gelassen. Das ist ok, absolut legitim und nachvollziehbar. Aber das zu realisieren ist nicht immer das schönste Gefühl. Klar, auch diese reflektierende Stimmung ist nur eine Momentaufnahme und führt definitiv nicht dazu, dass ich meine Entscheidung auch nur im Ansatz bereue, aber doch gibt es mir zu denken, dass ich lange meine Entscheidung nur mit meinen persönlichen Konsequenzen wahrgenommen habe, mir aber der Tragweite für andere nicht bewusst war oder sein wollte…

Wenn ich die Zeilen nun selbst lese, wird mir klar, dass in meinem Kopf ein ziemliches Chaos diesbezüglich herrscht und ich eigentlich selbst nicht weiß, was ich davon halte. Ging es euch auch schon einmal so? Ich glaube auf jeden Fall, dass es auch in einer Post-Umzugs-Nachdenklichkeit ebenso wie in einer Post-Reise-Depression hilft die eigenen Gedanken niederzuschreiben. Denn es ist völlig normal sich ab und zu trübselig, melancholisch und irgendwie aus der Bahn geworfen zu fühlen. Daher möchte ich mir auch bewusst die Zeit nehmen über meine Gefühle zu reden und zu lernen mit ihnen umzugehen. Außerdem: Geteiltes Leid ist halbes Leid!

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